Warmlesen.

Lesen im Winter – immer wieder ein außergewöhnliches Erlebnis. Seien wir uns mal ehrlich, wie stellen wir es uns vor?

Wir sitzen in einem großen gemütlichen Ohrensessel, eine flauschige Decke um unsere hochgelegten Beine gewickelt. Das Eck eines kuscheligen Kissens lugt hinter unserem Rücken hervor während neben uns auf einem kleinen Tisch eine Tasse Tee dampft. Der Kamin prasselt und knistert und wärmt uns die Zehen während draußen vor dem Fenster fingerdicke Flocken gemächlich vom Himmel fallen. Kerzenlichter brennen am Fenstersims und eine kleine Lampe wirft gedämpftes Licht auf das Buch in unserer Hand. Seite um Seite verschlingen wir, lesen Stunde um Stunde, unterbrochen lediglich von einem kurzen Nippen an unserem würzig schmeckenden Tee und einem befriedigenden Blick aus dem Fenster. Das einzige Geräusch neben dem Knistern des Kamins ist das Rascheln des Papiers, wenn wir umblättern.

Nette Vorstellung, nicht? Vermutlich hat ein Großteil von uns dieselben Ideen, wenn wir nach den „Essentials“ für den perfekten Lesenachmittag im Winter fragen. Aber woher kommt diese wahnwitzige Vorstellung? Oder hat irgendjemand von euch besagte Situation schon einmal genauso erlebt? Seien wir uns mal ehrlich, in Wahrheit ist es doch so…

Diesen Nachmittag haben wir uns extra Zeit genommen – heute wird endlich mal wieder gelesen. Wir sitzen im an sich doch sehr angenehmen Wohnzimmersessel, wäre da nicht die quietschende Lehne und der unschöne Kaffeefleck auf der Armstütze von Mamas letztem Damenkränzchen. Die große Flauschedecke ist leider schon besetzt, aber halb so schlimm, wir wickeln einfach unseren Schal um die Oberschenkel. Den Tee haben wir vor einer dreiviertel Stunde in der Küche vergessen. Nicht so wild, nachher muss man davon sowieso nur aufs Klo gehen. Das Wetter draußen ist genau richtig für einen gemütlichen Lesenachmittag. Würde der Schneesturm nur ein paar Dezibel leiser toben, dann wären wir durch das Knattern der Jalousien vielleicht etwas weniger irritiert und würden nicht ständig an unser Auto denken, das wir nachher unbedingt noch freischaufeln müssen. Es ist wohlig warm im Sessel. Endlich schlagen wir das Buch auf und beginnen zu lesen. Nach dem ersten Kapitel drückt es uns bereits die Augen zu und wir legen das Buch beiseite. Was soll’s, in fünf Minuten beginnt sowieso das Skirennen im Fernsehen…

Würden wir unsere Vorstellungen vielleicht ein wenig bescheidener halten, würden wir womöglich öfter in den Genuss einer schönen Lesestunde kommen. Denn was braucht es denn schon groß für ein zufriedenstellendes Leseerlebnis, hm?

Ein gutes Buch. Sehr richtig. Danke.