Nr. 1 Spiegel Bestseller

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

(Haruki Murakami)

*****

Roman, 317 Seiten

Eine lebenslange Reise

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki umfasst die Themen Selbstfindung, Selbstwahrnehmung und vor allem Zufriedenheit mit sich selbst – eine Reise, die jeder Mensch früher oder später bewusst oder unbewusst macht.
Haruki Murakami wurde bereits mehrfach für den Nobelpreis nominiert.

Eines der zentralen prägenden Ereignisse im Leben von Herrn Tazaki, um das sich die Handlung der Geschichte dreht, ist sein Verstoß aus einer Gruppe von Freunden im Teenageralter. Die Gruppe, bestehend aus zwei Mädchen und drei Jungen, wird im Buch idealisiert: Die fünf Freunde schätzen die einzigartige Gruppendynamik sehr und somit ist es umso schmerzlicher für Tazaki, als er eines Tages – ohne Nennung von Gründen – von der Gruppe verstoßen wird.

Dieses Erlebnis prägt ihn sehr und treibt ihn sogar zu Selbstmordgedanken – hier greift der Autor japanisches Harmonie- und Gruppenbedürfnis sowie die Selbstmordthematik auf.

Tazaki zieht nach Tokio und verwirklicht seinen Traum, Eisenbahntechniker zu werden und Bahnhöfe zu bauen. Jahre später stellt sich heraus, dass er das Erlebnis aus seiner Jugend nie vollständig überwunden hat. Er kehrt zurück in seine Heimatstadt Nagoya und macht sich auf die Suche nach seinen vier verbliebenen Freunden, um endlich den Grund für seinen Ausschluss aus der Gruppe zu erfahren…

Ich fand es beim Lesen besonders spannend, die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Herrn Tazaki mit zu verfolgen: Während Tazaki sich selbst keinem herausstechenden Charakter zuordnet, sich im Vergleich zu anderen als nichts Besonderes, als eine farblose Persönlichkeit sieht und an manchen Stellen des Buches mit einem „leeren Gefäß“ vergleicht, sehen ihn die Menschen um ihn herum in einem völlig anderen Licht. Er ist derjenige, der sein Ziel, seinen großen Traum von der Eisenbahn durch harte, konsequente Arbeit erreichen konnte und dafür bekommt er Wertschätzung und Anerkennung, welche er aber selbst nicht wahrnimmt. Das Buch regt viel zum Nachdenken an, deshalb 5 Sterne 🙂

PS. Es gibt viele Stellen im Buch, an denen Besonderheiten der japanischen Kultur aufgegriffen werden – wie zum Beispiel japanische Farbenlehre oder Mystik. Es macht auf jeden Fall Sinn, sich vor dem Buch grob damit auseinanderzusetzen, um die Geschichte im vollen Umfang „genießen“ zu können 😉