Lesen in vollen Zügen | Brüssel Teil 1

Lesen in vollen Zügen

 

Welch Wortspiel. Und nein, das war noch nicht die Pointe.

Top-motiviert wird Lesestoff für die anstehende Zugfahrt von Brüssel nach Österreich in die Tasche gepackt. Genug Zeit. Keine Ablenkung. Perfekte Gelegenheit für ein Buch. Dachte sie naiv.

Nach zehn Minuten Fahrt war die Vorfreude bereits im Nirwana verpufft und hatte nicht mal mehr ein nebulöses Wölkchen hinterlassen. Woran sie nicht gedacht hatte: An den prinzipiell unübersehbaren Nachteil an öffentlichen Verkehrsmitteln – deren Öffentlichkeit.

Kennt ihr diese innere Aggression, die langsam aber unaufhaltsam hochkriecht – beginnend in den tiefsten Falten der Magengrube bis hinauf in die Spitze des Gaumenzäpfchens? Nein?

Sie ist eine Spürnase. Aus einem zur Verfügung stehenden Repertoire an Sitzplätzen in einem Zugwagon sucht sie sich mit zielsicherem Geschick (99%ige Trefferquote) den folgenden Sitzplatz aus:

Es ist jener Sitzplatz der
a) voller Krümel oder
b) feucht ist (von was, will sie gar nicht wissen).

Beides fällt natürlich erst nach der vermeintlich finalen Platzierung des Allerwertesten auf.

Sollte es sich um keine Verunreinigung des Sitzplatzes handeln, stehen noch folgende Kategorien zur Auswahl:
a) Defekter Sitzplatz: Handelt es sich um einen Sitzplatz mit verstellbarer Lehne oder Klapptisch – kein Kommentar.

b) Angrenzende Nachbarssitzplätze und deren Eigentümer: Hier wählt die Spürnase aus einer der folgenden Optionen – wobei eine Kombination mehrerer Möglichkeiten nicht selten ist:

b.1) Mutter mit schreiendem Kind
b.2) Schreiende Mutter mit Kind
b.3) Typ mit vibrierenden Kopfhörern, der Musik hört
b.4) Typ ohne Kopfhörer, der ebenso laut Musik hört
b.5) Ältere Dame mit Hustenanfall
b.6) Ältere Dame, die ihrem ahnungslosen Gegenüber von ihren 20 Gebrechen erzählt, eines davon ist Schwerhörigkeit
b.7) Ältere Dame ohne Schwerhörigkeit, die in ein Klapphandy plärrt, da wohl die Verbindung schlecht ist
b.8) Jegliche andere Person, die in beliebig anderes Telekommunikationsgerät plärrt, da die Verbindung in Zügen immer schlecht ist

Unmöglich, sich da noch auf ein Buch zu konzentrieren. Dennoch ist sie nun stolze Besitzerin einer Reiseausgabe von Agatha Christies Miss Marple-Krimis. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Euch hat der Text gefallen? Das freut mich!
Dann schaut gerne beim nächsten Teil meiner Brüssel-Reihe vorbei:
Bella Ciao #brussels/part2

Ein Gedanke zu “Lesen in vollen Zügen | Brüssel Teil 1

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s