Bella Ciao | Brüssel Teil 2

Bella Ciao

 

Auf den Stufen der Brüsseler Börse. Ein Wochenende im Oktober 2018.

Die Stufen vor der Brüsseler Börse (La Bourse) sind halb voll. Das ist um die Hälfte weniger als sonst. Die Leute sitzen dort und sonnen ihre bleichen Gesichter.

Neuankömmlinge suchen sich ein Plätzchen zwischen abgebrannten Kippen und Taubenkacke. Es ist warm. Ein stetiges Gemurmel herrscht auf den Stufen. Von hier aus hat man den gesamten Place de La Bourse im Blick. Ein Straßenmusiker richtet sich vor dem Gebäude ein. Sein Publikum wird ihm nicht entkommen. Die Stufen der Börse sind ein kleines Theater und er platziert sich auf seiner Bühne.

Hinten beim Pommes-Eck braut sich eine Schlägerei zusammen. Der Musiker beginnt zu spielen. Er ist Italiener. „Marina, Marina, Marina…“ Seine Lautsprecher beschallen den gesamten Platz. Seine Lieder geben dem Gerangel am Pommes-Eck eine Slapstick-artige musikalische Untermalung. An seinen Schuhen hängen Glöckchen und am Hals seiner Gitarre baumelt eine Schelle an einer Schnur. „Bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao…“ Im passenden Moment lässt er die Schelle auf den Asphalt schnalzen. Er spielt italienische Klassiker – bekannt aus Omas Radio oder Musik vergewaltigenden Disco-Remixes. „Tu viò fà l’Americano, Mericano, Mericano…“

Im Pommes-Eck wird geschubst und gestänkert. Der Musiker wirft nervöse Blicke über die Schulter. Die Theaterbesucher von La Bourse haben jede Menge Unterhaltung. Weiter hinten tanzt ein ergrauter Opa zur Musik um ein Stopp-Schild. Die Stufen von La Bourse füllen sich mit Einheimischen und Touristen. Die Touristen erkennt man sofort. Sie sind zögerlicher, achten auf die Kippen und die Taubenkacke. Keiner will das Spektakel verpassen.

Im rechten Moment schnalzt die Schelle und Polizisten stürmen das Pommes-Eck. Perfektes Timing, der Italiener grinst. Ein Rudel Polizisten trennt die aggressiven Streithähne. Fünfzehn gegen zwei. Ordnung muss sein, der rechtmäßige Besitzer der Pommestüte muss identifiziert werden. Der Opa vom Stopp-Schild belagert den Straßenmusiker mit Musikwünschen. Dieser wirbt für die CDs seiner Band. Und seine World-Tournee. Und seinen Facebook und Instagram Kanal. Niemand will das hören. Alle warten darauf, dass er weitersingt.

Sämtliche Tauben vom Place de La Bourse entschließen sich gleichzeitig, wegzufliegen. „Bella ciao, ciao, ciao…“ Die Leute aber bleiben sitzen.

 

Euch hat der Text gefallen? Das freut mich sehr!
Dann schaut gerne beim ersten Teil aus meiner Brüssel-Reihe vorbei:
Lesen in Vollen Zügen #brussels/part1

2 Gedanken zu “Bella Ciao | Brüssel Teil 2

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