Campustiere | Brüssel Teil 3

Vom Alltag am Unicampus.

Hörst du die Campustiere singen? Sie singen mit Flaschen in den Pfoten und Bechern in den Tatzen. Sie spucken und tanzen. Sie trinken Alkohol und vertragen eine Menge davon. Sie brauchen ihn zum Leben, er fließt in ihren Adern. Nachts mehr, tagsüber weniger. Sie singen, sie grölen. Bei manchen ein Balzschrei, ein Schrei nach Aufmerksamkeit, bei anderen ein Schrei der Freude, ein Schrei der Wut. So vieles beschäftigt die Campustiere.

Siehst du die Campustiere laufen? Sie laufen mit Displays in ihren Pfoten und Kopfhörern auf ihren Ohren. Sie schauen weder nach links noch nach rechts. Starre Blicke, ohne zu zwinkern. Blitzschnelle Daumen flitzen über Smartphones. Wischen nach rechts, nicken zufrieden. Wischen nach links, schütteln den Kopf. Der Balztanz des 21. Jahrhunderts. Tinder hat ihn erfunden und die Campustiere tanzen mit.

Siehst du die Campustiere studieren? Sie sitzen im Vorlesungssaal. Sie hören, aber sie hören nicht zu. Sie sehen, aber sie sehen nicht hin. Manche sind wie in Trance. Sie starren Löcher in die Luft und in den Professor. Der durchlöcherte Professor spricht unbeirrt weiter. Selten kennt er die Eigenheiten der Campustiere. Selten weiß er, wie man sie füttert.

Siehst du die Campustiere stolzieren? Sie tragen ihren Pelz zur Schau. Sie tragen Vintage T-Shirts zu Retro-Hosen und altmodische Sneaker von teuren Marken. Bunte Socken über weißen Schuhen springen ins Gesicht. In Gesichter mit eulenartigen Brillengläsern. Die Tracht der Campustiere ist modisch und zerfleddert zugleich. Sie ist gestriegelt und altmodisch gleichermaßen. Nur die Campustiere verstehen, wie sie funktioniert.

Siehst du die Campustiere denken? Sie denken an ihre Zukunft. An ihre Jobaussichten. Sie sind verunsichert. Sie sind unerfahren. Ihre Träume sind so groß wie ihre Ängste. Manchmal wissen sie nicht, was sie eigentlich wollen. Und dann wollen sie gar nichts. Und tun gar nichts. In zehn Jahren wird man es ihnen vorwerfen. Doch bis dahin ist noch lange hin, denken die Campustiere.

Hörst du die Campustiere singen? Sie singen von damals. Von ihrer schönen Zeit am Campus. Einer Zeit der Freude und der Freiheit. Einer Zeit der grenzenlosen Möglichkeiten. Einer Zeit der offenen Türen, einer offenen Zukunft. Auch wenn sie älter werden, ihre Zeit am Campus bleibt unvergessen. Ein Teil von ihnen wird immer ein Campustier bleiben.

 

Euch hat der Text gefallen? Das freut mich sehr!
Dann schaut gerne beim letzten Teil aus meiner Brüssel-Reihe vorbei:
Bella Ciao #brussels/part2

Ein Gedanke zu “Campustiere | Brüssel Teil 3

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