Kun(n)st vergessen | Brüssel Teil 4

Ein Besuch auf der Brüsseler Kunstmesse.

Wenn sich adrett gekleidete ältere Damen mit Perlencolliers um den Hals und Champagnergläsern in der Hand neben desorientiert wirkenden Kunststudenten mit verwuschelter Frisur und leicht apathischem Blick Seite an Seite in einer Halle tummeln, stehen die Chancen gut, dass man soeben auf einer Kunstmesse eingetroffen ist. In unserem Fall, um genau zu sein, auf der Brussels Art Fair.

(Extrem) mäßig bewandert in (sämtlichen) Kunstbelangen, bisherige Kunsterfahrungen hauptsächlich aus dem schulischen Zeichenunterricht beziehend (wie lange ist das jetzt her?!), schlenderte ich mit meiner Begleitung an den Künstlern vorbei und wir ließen deren Ausstellungsstücke auf uns wirken. Und ich muss sagen, da wirkte viel.

Besonders hervorzuheben sei zum Beispiel ein tiefgründig anmutender Haufen vertrockneten Brotes, der liebevoll arrangiert seinen Platz auf dem Boden der Halle einnahm (nur gut, dass hier keine Tauben herumflogen!). Man möchte nicht meinen, dass ein solches Kunstwerk nur bei geflügeltem Federvieh Interesse hervorruft – nein. Zehn Personen standen mit tief gerunzelter Stirn und wissendem Blick um das „Kunstwerk“ herum (Kunstkenner mögen mir die Anführungszeichen an dieser Stelle verzeihen) und nickten andächtig mit ihren Köpfen. Nachdem mich meine Kieferfunktionen verlassen hatten und ich mit heruntergeklappter Kinnlade vor dem Spektakel stehengeblieben war, besaß meine Begleitung Gott sei Dank Geistesgegenwart genug, mich am Ärmel weiterzuziehen. Sonst hätte ich noch die intellektuelle Stimmung mit einem unpassenden Kommentar zerstört. Nur gut, dass österreichischer Dialekt in Brüssel nicht unbedingt oft verstanden wird – was mir auf diesem Event definitiv zum Vorteil wurde.

Sätze wie „It’s so fresh, so contemporary“ waren zu vernehmen – da standen wir übrigens gerade vor einer einfärbig bemalten Leinwand. Zur Verteidigung muss man sagen, dass das Himmelblau wirklich sehr frisch wirkte. Fast wie in der Febreeze-Werbung. Anerkennend nickend (man will ja irgendwie dazugehören) stellte ich mich neben die Kunstkenner und betrachtete das Werk. Als mein Hirn sich ratternd aufmachte, hochphilosophische Interpretationsart zu leisten und ich begann (oder es mir zumindest einbildete) den Zauber zu fühlen, die tiefgreifende Bedeutung zu erahnen, zerstörte folgender Kommentar meiner Begleitung von schräg hinten auch schon wieder die Stimmung: „Contemporary? So ein Bledsinn. Des is ja wie am Flohmarkt do“. Gut, zumindest hatte ich es probiert. Und nur der Wille zählt.

Nachdem ich (unwissende Amateurin) voller Vorfreude auf eine Sitzgelegenheit heiter auf einen Sessel zusteuerte, der sich im letzten Moment als Kunstwerk entpuppte, und ich gehört hatte, dass manche Werke auf der Messe in die Millionen gingen, traute ich mich keinen Zentimeter mehr von der bunten Wegmarkierung runter.

Neben all den leicht dubios wirkenden Ausstellungsstücken waren aber auch einige wirklich kreative und ansprechende Werke dabei. Und der Rest – naja – hatte eben einen gewissen Unterhaltungswert. Da ich meinen Lesern auch immer gerne etwas mit auf den Weg geben möchte (und ich habe hier wirklich gründlich überlegen müssen) noch folgendes: Ein leicht verzweifelt wirkender Künstler hatte einen Eisklotz als Kunstwerk mitgebracht, der sich unaufhaltsam in einer Pfütze zu verflüchtigen gedachte. In meiner geistigen künstlerischen Umnachtung war ich kurzfristig überzeugt, es handle sich dabei um „sich transformierende Kunst mit subtilem Hinweis auf die Vergänglichkeit allen Seins“. Im Endeffekt hatte der Künstler aber wohl einfach die verschiedenen Aggregatzustände von Wasser vergessen, was auch sein mutloses Händeringen erklärte. Und die Moral von der Geschicht‘: Eisklotz als Kunstwerk eignet sich nicht!

 

Euch hat der Text gefallen? Das freut mich sehr!
Dann schaut gerne beim letzten Teil aus meiner Brüssel-Reihe vorbei:
Campustiere #brussels/part3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s